Alles begann vor 4 Jahren auf meiner Backpacker Reise durch Kambodscha im Jahre 2009 im Land der Khmer… Im Dezember 2008 beschloss ich eine Reise nach Kambodscha, dem Land der Khmer zu unternehmen. Ich hatte viel gehört und gelesen über den vergangenen Reichtum der Khmer Dynastie die im 9. und 10. Jahrhundert in Südostasien herrschten. Das wohl bekannteste Bauwerk aus dieser Zeit ist wohl Angkor Wat. Angkor bedeutet Stadt und Wat ist ein Tempel bzw. eine Tempelanlage.

Die Geschichte Angkor’s faszinierte mich so sehr, dass ich mir dieses Weltwunder einmal persönlich ansehen wollte. Also begann ich mit der umfangreichen Planung zu meiner Backpacker Reise nach Kambodscha. Hätte mir damals jemand gesagt, wie sehr mich diese Unternehmung in der Zukunft beeinflussen würde, ich hätte es nicht für möglich gehalten.

Zu meinem Glück war ein guter Freund von mir mit einer Kambodschanerin verheiratet. Somit hatte ich eine gut informierte Informationsquelle in meiner Nähe.  Was brauche ich einen Reiseführer, ich habe doch eine viel bessere Informationsquelle. Also nichts wie hin und gleich mal ein Gespräch über Ihre Heimat beginnen. Das war mein Plan. Aber wie das nun mal mit Plänen ist, nicht jeder ist gut und nicht jeder ist von Erfolg gekrönt. Ich fuhr also zu meinem Freund, der seit knapp 10 Jahren eine Pizzeria in meiner Heimatstadt betreibt. Bei dieser Gelegenheit kann ich ja auch noch mal schnell etwas leckeres essen.

Nach einer leckeren Pizza , erzählte ich ihm von meinem Vorhaben. Da er selber Inder ist und sich daher auch nicht so gut mit der alten Khmer Geschichte auskennt, dachte mein Indischer Freund genauso wie ich. “Frag meine Frau” sagte er. Die ist Zuhause und hat bestimmt Zeit. Ich machte mich also auf den Weg, nicht ohne ein paar Pizzabrötchen mit seinem legendären Aioli als Wegzehrung einzupacken.

Schließlich war ich ja schon fast in Kambodscha und wer weiß, was es dort zu essen gibt. 3 Minuten später war ich bei seiner Frau zu Hause und erzählte ihr, dass ich in ihr Heimatland fliegen wollte um dort auf Entdeckungsreise zu gehen.

Mit dem was jetzt kam, hatte ich jedoch in meinen kühnsten Träumen nicht gerechnet. Hätte ich mich nicht nur mit der frühen Geschichte dieses Landes beschäftigt, sondern mit der aus der aktuellen Vergangenheit. Sie erzählte mir ihre ganz persönliche Geschichte. Eine Geschichte von Angst, Gewalt, Vergewaltigung und Tod. Von Flucht, Misshandlung, Menschenverachtung und Ekel. Hierauf war ich nicht im Geringsten vorbereitet. Natürlich habe ich schon mal was von den Killing Fields gehört. Aber war das nicht nur ein Film den ich sicher irgendwann einmal gesehen habe? Der Name Killing Fields lag mir in den Ohren. Sicherlich ein blutiger und abstoßender Film. Aber nun befand ich mich in einem Raum, Auge in Auge mit einem Zeitzeugen, für den dieser Film kein Film war, sondern Teil der eigenen Biografie.

Dieser Tag sollte lang werden. Lang und gefüllt mit haarsträubenden und abstoßenden Geschichten. Von der Machtergreifung eines Diktators der 1975 an die Macht kam. Sein Name war Pol Pot. Von seinen Untertanen ließ er sich “Bruder Nummer 1″ nennen und versuchte mit aller Gewalt einen kommunistisch-primitivistischen Bauernstaat zu errichten. Er ließ die Hauptstadt Kambodschas Phnom Penh mit damals geschätzten 3 Millionen Einwohnern innerhalb von 48 Stunden räumen. Er schickte die gesamte Bevölkerung aufs Land, mit der Begründung, dass es logistisch nicht möglich sei eine ausreichenden Menge Nahrungsmittel für die Bevölkerung zu organisieren. Zudem wurde das Gerücht verbreitet das die Amerikaner die Hauptstadt bombardieren wollten. Ähnliches geschah auch in den größeren Städten des Landes so als Battambang, Kampong Cham, Siem Reap, Kampong Thom. In Battambang lebte sie. Die Frau die mir direkt gegenüber saß. Sie erzählte wie die Menschen gezwungen wurden auf dem Land zu arbeiten und wie anfangs die gesamte intellektuelle Elite verschwand. Ausgelöscht wurde durch das Regime der Roten Khmer.

Dabei blieb es jedoch nicht. Je länger die Roten Khmer an der Macht waren desto schlimmer wurde es. Nach ein paar Monaten ihrer Herrschaft reichte es bereits aus Lesen oder Schreiben zu können um ins Visier der Roten Khmer zu gelangen. Alleine das Tragen einer Brille reichte aus um für immer zu verschwinden.

Nur eine Brille? Ich erschrak. Auch ich bin Brillenträger. Bin ich erleichtert dass ich in Deutschland geboren wurde.

Man wurde in das Gymnasium Tuol Svay Prey in der 103. Straße in Phnom Penh gebracht. Jedoch war dies kein Gymnasium mehr, sondern ein Foltergefängnis – das S-twenty-one. Meist wurden ganze Familien dorthin gebracht, damit hinterher niemand mehr da war, jemand der Rache üben konnte. Ganze 7 Gefangene überlebten dieses Foltergefängnis. Hatte man erst einmal gestanden, für eine ausländische Regierung zu spionieren und man hatte hierfür bestialische Foltermethoden, ging es hinaus aus Phnom Penh. Zu den Killing Fields. Man gestand alles, wenn man nur lange genug im S21 war. Egal ob man schuldig oder unschuldig war. Und die meisten waren unschuldig. Erst einmal angekommen auf den Killing Fields war es die letzte Reise. Wer nicht an der Folter im S21 starb, wurde auf den Killing Fields vor den Toren Phnom Penhs ermordet. Während der Schreckensherrschaft der Roten Khmer starben bis zur Entmachtung 1979 ca.2.2 Millionen Kambodschaner an Entkräftung oder der Tötungsmaschinerie der Rough Khmer.

Mein Gegenüber erzählte mir von schrecklichen Gräueltaten. Sie lebte mit Ihren Eltern in Battambang und musste zusammen mit Ihren Eltern und Geschwistern die Stadt innerhalb von 48 Stunden verlassen, um auf den Feldern auf dem Land zu arbeiten. Sie mussten alles Hab und Gut zurück lassen. Ihre Familie hatte große Obst-Plantagen in Battambang. Doch nun ging es nur noch ums nackte Überleben. Von da an schufteten sie tagein, tagaus. Sie bekamen wenig zu Essen und wurden von den Aufsehern geschlagen und misshandelt. Sie mussten mit ansehen wie Familienmitglieder starben, oder durch die Roten Khmer misshandelt, vergewaltigt oder getötet wurden.

Eines nachts wurde sie von Ihren Eltern geweckt und sie flüchteten Richtung thailändische Grenze. Eine Flucht voll Entbehrungen, Schmerzen und  Angst. Angst vor dem Regime. Angst vor den Schlägen, der Willkür des Systems. In Thailand angekommen ging die Qual weiter. Da der Flüchtlingsstrom aus Kambodscha und Vietnam nach Thailand führte und alle Flüchtlingslager dort überfüllt waren, wurden sie von den Thailändern fast genauso schlecht behandelt wie in Kambodscha. Sie hatten keine gültigen Papiere, keine Rechte und waren ihrer Heimat beraubt. Wurden auch hier misshandelt und gedemütigt. Einer Fügung des Schicksals hatte sie und ihrer Familie es zu verdanken, dass sie durch das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen nach Deutschland vermittelt wurde und so dem Kreislauf des Schreckens  entkam.

Hier saß ich nun. Wollte doch nur einige Informationen aus ihrem Heimatland. Kambodscha. Mein Backpacker Reiseziel. Was ich bekam war mehr. Mehr als ich erwartet habe. Einen Tag den ich in meinem Leben nie vergessen werde.  Einen Tag, den ich hier nur stark gefiltert wieder geben will und kann. Einen Tag, der sich in mein Gedächtnis gebrannt hat. Den ich wie einen Videofilm immer wieder abspielen kann. In allen schrecklichen Einzelheiten. Da es schon spät geworden war verabredeten wir uns in ein paar Tagen um mein Vorhaben zu besprechen. Heute war ich dazu nicht mehr in der Lage. Heute hatte eine Nachhilfestunde in Geschichte. In kambodschanischer Geschichte. Ich kannte die Geschichte Kambodschas durch das Kino. Jetzt, durch das Gespräch mit einer Zeitzeugin, kannte ich die schreckliche Wirklichkeit.

Ich ging nach Hause, drückte meine Familie an mich und dankte Gott für mein Glück. Mein Glück in Deutschland leben zu dürfen. Hier geboren zu sein und eine so unbeschwerte Kindheit gehabt zu haben. Unglaublich wie wenig Gedanken wir uns darüber machen wie gut es uns im Grunde geht. Heute sehe ich die Welt mit etwas anderen Augen. Nicht immer. Aber es hat mich bewegt, tief bewegt. So tief das ich es heute niederschreibe. So tief das ich beim Schreiben das gesamte Gespräch nochmals an mir vorüber ziehen lasse.

Und es hat mich damals bewegt und es bewegt mich heute noch genau so.

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